Aus: Inspirieren statt motivieren!

Wenn wir unsere Bestimmung, Aufgabe und Berufung miteinander in Einklang bringen, dann ist das ein wichtiger Schritt zur Bestätigung und Vertiefung unseres Lebens.

- Lance Secretan, »inspire!«-Autor -

 

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8. November 2006

Naikan als konstruktiver Wegbegleiter im Management

Naikan

(nar) Naikan ist eine japanische Methode der Innenschau. Der Praktizierende stellt sich im Hinblick auf wichtige Personen in seinem Leben drei grundlegende Fragen: Was habe ich von anderen Menschen bekommen? Was habe ich ihnen gegeben? Welche Schwierigkeiten habe ich ihnen bereitet? Lena Meichsner, Managerin bei einer internationalen Beratungsgesellschaft, unterzog sich im Naikan-Zentrum in Tarmstedt bei Bremen dem üblicherweise sieben Tage dauernden Reflektionsprozess. Seitdem schätzt sie Naikan auch als konstruktiven Begleiter im Management-Alltag, wie ihr folgender Erfahrungsbericht zeigt.

Natürliche Stärke entwickeln: 4. Woche nach Naikan in Tarmstedt

In dieser Woche habe ich erfahren, welchen Effekt Naikan im Umgang mit Cholerikern hat. Die abrupten Übergriffe aus dem Nichts und wegen Nichts lassen sich nicht vermeiden. Die Wirkung auf mich, meine Arbeit und meine Seele sehr wohl. Natürlich ist es zunächst ein Schock, aus einer sachlichen Diskussion heraus, urplötzlich mit einem brüllenden Geschäftsführer konfrontiert zu sein. Statt mich jedoch verletzt und schlecht zu fühlen, ging mir einzig durch den Kopf: “Das ist sein Naikan. Es hat nichts mit mir zu tun.”

Nachdem der Gefühlsausbruch vorbei war, stand ich ruhig auf und ging hinaus. Es hat mich zuerst große Überwindung gekostet, mich in den drei Fragen ihm gegenüber zu prüfen. Doch die vielen Punkte, die mir eingefallen sind, haben mich mit seinem Bild, das nach diesem Erlebnis in mir war, versöhnt. Dieses Loslassen hat mich in erster Linie beruhigt und meine negative Gefühlswelt zurecht gerückt, ohne etwas beschönigen oder unter den Tisch kehren zu wollen.

Der wichtigste Effekt war, dass ich gelassen und mit einer natürlichen Stärke zurück ins Büro gehen konnte und “normal” weitergearbeitet habe. Die Atmosphäre war nicht nur entspannt, sondern er schien dankbar dafür zu sein, dass ich ihn trotz seines Aussetzers nicht als “schlecht” widerspiegelte. Sicherlich war er etwas verunsichert angesichts meines Verhaltens, doch damit habe ich zugleich ein wenig Respekt gewonnen. Ihm und mir gegenüber. Abgesehen von der inneren Erkenntnis, dass wir eben alle nur Menschen sind.

Konflikte im Team entschärfen: 5. Woche nach Naikan

Dienstagnachmittag führte ich einen Workshop mit meinen Mitarbeitern durch. Thema: kontinuierlicher Verbesserungsprozess. Die wirtschaftliche Situation des Unternehmens erzeugt Unzufriedenheit und Unsicherheit in Bezug auf eventuellen Stellenabbau, mangelnde Karriereperspektiven und mögliche Auswirkungen einer anstehenden Reorganisation. Das führt verständlicherweise zu großen Spannungen und kleinen Grabenkämpfen im Team. Der ansonsten lockere und freundliche Umgang miteinander ist in den letzten Wochen zunehmend weniger geworden. Dringender Handlungsbedarf!

In den Feedbackrunden hagelt es nur so von Vorwürfen, Schuldzuweisungen, offenen Anfeindungen und massiver Frustration. Wir kamen kein Stück weiter in Richtung konstruktiver Lösungen. Das einzige, was mir einfiel, waren die drei Naikan-Fragen. Ich ging an den Flipchart und schrieb sie wortlos auf. Ich drehte mich um und erzählte, was ich vom Team bekommen habe, was ich ihnen gegeben habe und welche Schwierigkeiten ich ihnen bereitet hatte. Es war still geworden im Raum. Ich fühlte mich merkwürdig frei. Blicke, ungläubig, neugierig und misstrauisch, traten mir entgegen. Das einzige was ich tat, war zu lächeln. Ich fragte sie, ob sie neugierig genug wären, an einer Art Experiment teilzunehmen. Nach einigem Zögern Zustimmung. Ich bat sie, die drei Fragen aufzuschreiben, sich in den nächsten zwei Tagen individuell ausreichend Zeit zu nehmen und sich gegenüber der Firma, dem Team als Ganzes und einer Person daraus, mit der sie am meisten Schwierigkeiten hatten, in diesen Fragen zu prüfen. Die Antworten bleiben und blieben persönlich, ohne öffentlichen Vortrag, so wie ich das gemacht hatte. Dann würden wir uns am Freitag noch einmal zusammensetzen und an unseren Lösungen weiter arbeiten.

Ich hatte Angst wie ein Kind auf dem Zehn-Meter-Turm. Doch war ich vollkommen überzeugt, dass sich etwas bewegen würde. Was immer es auch sei. Das war spannend. Es hat sich etwas bewegt. Am Freitag war das Team wie ausgewechselt. Keine Ahnung, ob alle die drei Fragen gestellt hatten. Das ist auch irrelevant. Die Stimmung war im Gegensatz zu Dienstag ruhig und gelassen, ein klein wenig fröhlich und zuversichtlich und - wir haben gemeinsam zwei Lösungen gefunden, mit denen wir weitergehen können.

Neue Perspektiven wahrnehmen: 6. Woche nach Naikan

Diese Woche habe ich erfahren, wie wichtig es ist, Naikan täglich zu üben, ohne Zwang. Anfang der Woche fand mein jährliches Gespräch mit meinem Karrierementor statt. Ich wusste, dass der Umsatzdruck durch die Börsennotierung hoch ist und Ideen von Stellenabbau, besonders in den oberen Etagen, um den Wasserkopf loszuwerden, kursieren. Einige meiner Kollegen hatten berichtet, dass ihnen rasch ein Aufhebungsvertrag unter die Nase gehalten wurde. Die Stimmung war auf dem absoluten Tiefpunkt. Ohnmacht darüber, dass man sich pausenlos, sogar in der Freizeit und am Wochenende für die Firma einsetzt und plötzlich scheint dies nicht mehr wert als eine Nummer auf dem Papier zu sein, die es möglichst schnell zu beseitigen gilt.

Auf der Fahrt in die Zentrale fühlte ich mich wie ein Schaf, das auf die Schlachtbank geführt wird. Tausend Gedanken, Argumentationsketten marterten mir das Gehirn. Im Auto neben mir fuhr ein asiatisch aussehender Mann. Mir schoss durch den Kopf: Naikan. Ich schämte mich, weil ich mir diese Woche keinen einzigen Tag dafür Zeit genommen hatte. Vermutlich wäre ich nicht in so einem desolaten Zustand wie jetzt. Ich hielt an einer Autobahnraststätte an und legte den Sitz zurück. Prüfte mich in den drei Fragen meiner Firma gegenüber. Das Gespräch verlief sachlich und konstruktiv. Es gilt nun, verschiedene Optionen zu prüfen, danach werden in einigen Monaten weitere Gespräche folgen. Ich fühlte mich weder betroffen noch zurückgesetzt. Eher dankbar. Dankbar, dass ich mir selbst neue Perspektiven eröffnet habe.

Change Management beginnt mit Wertschätzung

Das theoretische Konzept im Management scheint relativ einfach: Betraue die “richtigen” Menschen mit den richtigen Aufgaben, dann klappt das Projekt oder der Veränderungsprozess im Unternehmen. Ich stelle in der Praxis allerdings fest, dass es weit mehr bedarf als das. Weit über reine Motivation hinaus. Menschen nehmen das Risiko einer Veränderung nur an, wenn sie sich weder direkt bedroht fühlen noch Angst vor Machtmissbrauch haben. Ich kann Menschen ohne Fürsorge, Zuneigung und vor allem Dankbarkeit nicht dazu bringen, anders als bisher zu handeln. Um sie zu einer Verhaltensänderung zu bewegen, muss ich verstehen, woher sie kommen und warum sie sind, wie sie sind. Viele Führungskräfte setzen Druck deshalb so oft ein, weil sie nicht wissen, was sie sonst tun sollen oder schwierigere Alternativen scheuen. Wenn sie Menschen geringschätzig behandeln, um sie zu größeren Leistungen anzuspornen, so ist das wohl eher ein Zeichen für die Unzulänglichkeit der Führungskraft als für die Mitarbeiter.

Dankbarkeit für die Vielfalt entwickeln

Naikan macht daher gerade im Management großen Sinn. Nicht nur im Justizvollzug oder für “suchende” Individuen. Sind wir das nicht alle? Wir sitzen überall im Gefängnis. Besonders in unserem eigenen. Manchmal kommt es mir vor, als geben die meisten Menschen ihr Menschsein am Firmenparkplatz ab. Warum sollen und wollen wir dort plötzlich keiner (mehr) sein? Da werden Mitarbeiter auf Kreativitätsseminare geschickt, Geschäftsführer rügen fehlende Innovationskraft, subtil wird gemobbt, kaum versucht jemand, aus dem Hamsterrad auszubrechen, Krankenstände durch Bandscheibenvorfälle, Nervenzusammenbrüche und Burn-outs wachsen ins Unermessliche und zu frühe Todesfälle werden als modernes Märtyrertum abgetan. Das ist der Preis für Erfolg? Wer sagt das und warum glaubt das jeder?

Naikan ist meiner Meinung nach ein guter Weg die gelebte Kluft zwischen Wirtschaft und Psyche zu überwinden. Eine Möglichkeit, sich von angeblich allgemein gültigen Stereotypen zu lösen und dankbarer zu werden. Dankbarer für die Vielfalt unseres Menschseins und Miteinanders in einer Atmosphäre ohne Angst und einschränkende Verhaltensmuster.

Lena Meichsner
Managerin

Weitere Informationen:
Wer sich für das Thema Naikan im Management interessiert, kann sich an folgende E-Mail-Adresse wenden: management@naikan.de

Kurzfilm (10 Minuten) über Naikan

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