12. Dezember 2007
Die Wirtschaft braucht Rebellen
(nar) Wenn sich etwas verändern soll, sind oft die Querdenker, die Unkonventionellen, die Aufmüpfigen diejenigen, die in die Bresche springen. Josef Jacobi ist ein solcher Rebell, denn er hat dazu beigetragen, dass die Milchwirtschaft sich verändert. Elita Wiegand, Gründerin des Business-Clubs innovativ.in, hat mit ihm über seine Ideen gesprochen.
Bauernrebell Josef Jacobi
Josef Jacobi übernahm 1972 den elterlichen Hof und begann 1980 die Umstellung auf organisch biologischen Landbau. 1998 trat er dann dem Bioland-Verband bei. Josef Jacobi gründete zusammen mit anderen Milchbetrieben der Region 1996 die „Upländer Bauern-Molkerei“ im Hochsauerland. 1995 Vorsitzender einer Milcherzeugungsgemeinschaft. 2001 Gründung und Aufsichtsratsvorsitzender der “Bio-Bauern-Beteiligungs AG”, einer Aktiengesellschaft zur Finanzierung von Projekten im Biobereich. 2002 Einrichtung eine ökologischen Informationszentrums und Gründung einer Landschaftsstation.
Ein Interview von Elita Wiegand
Warum nennt man Sie eigentlich Bauernrebell?
Wenn man sich politisch engagiert, klar seinen Standpunkt vertritt und damit gegen die herrschende Meinung verstößt, wird man als Rebell bezeichnet. Ich habe zum Beispiel eine Sondemülldeponie verhindert und einmal habe ich mit meinem Trecker britischen Panzern in den Weg gestellt, weil die eine frisch geteerte Landstraße kaputt fuhren. Wir haben die Panzer einen Tag lang aufgehalten, anschließend hat sich der General bei uns entschuldigt. Mit solchen Aktionen ist man schnell ein Widersacher.
Als Rebell haben sich aber vor allem als Ökobauer einen Namen gemacht. Wie sind Sie zur Bio-Landwirtschaft gekommen?
Ich habe zunächst 16 Jahre konventionelle Landwirtschaft betrieben. Damals habe ich gegen Atomkraft protestiert und war zum Beispiel auf der Hannover Demo gegen Gorleben mit dem Trecker unterwegs. Nachdenklich wurde ich, als mir einige sagten, dass ich zwar hier demonstrierte, aber zu Hause wieder die Felder mit Giftspritzen und Kunstdünger bearbeite. Danach habe ich auf Bio-Landwirtschaft umgestellt und bin 1989 dem Bioland Verband beigetreten.
Und Sie haben zusätzlich die Upländer Bauernmolkerei gegründet…
Obwohl ich damals schon Bio-Milch erzeugte, konnte ich die nicht vermarkten. Die Molkereien haben aus verschiedenen Gründen Bio-Milch abgelehnt und da habe ich mich mit 16 anderen Bauern zusammengeschlossen und wir haben eine stillgelegte Molkerei gekauft. Zunächst lief alles schleppend und wir verkauften nur etwa 500.000 Liter Bio-Milch pro Jahr. Inzwischen vermarkten wir 20 Millionen Liter jährlich und ab dem 1. Januar 2008 werden die Milcherzeugnisse noch mal um 8 Millionen Liter steigern.
20 Millionen Liter verkaufter Bio-Milch - das ist ein riesiger Erfolg. Um die Biobranche auch finanziell zu stärken, wurde die Biobauern Beteiligungs AG gegründet. Was verbirgt sich dahinter?
Die Molkerei brauchte damals bei der Gründung Geld. Deshalb haben sich unsere Landwirte pro Liter Milch finanziell beteiligt und zu Anfang eine Bürgschaft übernommen. Trotzdem reichten die finanziellen Mitteln nicht. Um das Projekt zu unterstützen, hat der BUND einen Beteiligungsfonds aufgelegt, mit dem der Molkerei Kapital für Investitionen zur Verfügung gestellt wurde. Und danach haben wir eine Aktiengesellschaft gegründet - man kann bei uns Aktien kaufen. Das Geld stecken wir in den Aufbau für biologische Projekte. Nachdem wir den Durchbruch geschafft haben, wollen wir heute das Geld an diejenigen weitergeben, bei denen die Banken Kredite ablehnen. Wir haben jetzt zum Beispiel einem Schäfer ein Darlehen gegeben, einem Existenzgründer, der Bioläden eröffnen will und unterstützen ein Konzept für Biofeinkostläden. Somit ist allen geholfen. Es ist eine Form, wo man ruhigem Gewissen das Geld anlegen kann.
Ungewöhnlich ist auch Ihre Fair Milch Marketingidee, bei der Sie zu einer Pressekonferenz in den Kuhstall eingeladen haben. Was bedeutet Fair Milch?
Die Landwirte haben mit sinkenden Einkommen und zu niedrigen Erzeugerpreise hart zu kämpfen. Immer mehr Bauernhöfe mussten schließen - das hat mich sauer gemacht. Deshalb wollten wir zunächst das Bewusstsein wecken, dass hier etwas falsch läuft. Die Bauern produzieren ökologisch vernünftig hochwertige Bio-Milch, aber die Kosten kommen nicht rein. Wie ändern? Wir haben die Bundesforschungsanstalt für Ernährung und Lebensmittel gewonnen und 550 Bio-Kunden in zwölf Läden befragt, ob sie denn bereit wären, einen Aufschlag von fünf Cent für regionale Bio-Milch zu zahlen, wenn dies den Bauern zugute käme. Die meisten Befragten reagierten positiv. Nur 20 Prozent der Verbraucher antworteten, sie würden keinen höheren Preis für Bio-Milch akzeptieren. Das Fair Milch Programm haben wir den Medien im Kuhstall vorgestellt. Die Befürchtung, dass der Absatz um 20 Prozent zurückgeht, hat sich nicht bestätigt. Im Gegenteil. Nachdem wir den Preis erhöht haben, ist der Absatz gestiegen. Wir sind stolz darauf, dass wir die als erste Molkerei in Deutschland den Bauern einen Milchpreis von 40 Cent auszahlen können. Die Verbraucher wollen die Gentechnik nicht und den Bauern hilft es nicht. Den einzigen denen es hilft, sind die Konzerne. Die möchten ihre Macht ausweiten, indem alles Saatgut bei ihnen gekauft wird. Die Abhängigkeit wird dadurch verstärkt, dass die Landwirte auch direkt das Spritzgut von den Konzernen kaufen müssen. Wir haben Alternativen aufgezeigt, dass es ohne Gentechnik geht.
Nun appellieren Sie gleichzeitig an die Verbraucher, dass sie regionale Produkte kaufen. Wie reagieren die Kunden darauf?
Verbraucher haben Macht und Einfluss darauf, wie und wo die Produkte hergestellt werden, die sie kaufen. Das Bewusstsein für regionale Lebensmittel steigt. Die Kunden erkennen, dass sie sich mit ihrem Kaufverhalten dafür einsetzen, Arbeitsplätze in der Region zu erhalten. Wir haben zum Beispiel 40 neue Arbeitsplätze geschaffen und bringen die regionale Wirtschaft nach vorne. Außerdem müssen Lebensmittel aus der Region immer besser sein, weil man sonst als Hersteller seinen guten Namen verliert.
Immer mehr Verbraucher steigen auf Bioprodukte um. Gleichzeitig steigt die Skepsis. Ist Bio drin, wo Bio drauf steht? Wie sehen Sie die Entwicklung?
In Deutschland können sich die Verbraucher auf das Siegel „Bio“ verlassen. Seit der EU Verordnung werden Bioprodukte kontrolliert. Tatsächlich steigt der Verbrauch enorm. Allein im letzten Jahr haben wir 20 Prozent mehr zu verzeichnen, im gleichen Zeitraum ist aber die Erzeugung nur um 2,3 Prozent gestiegen. Das Missverhältnis beruht vor allem darauf, dass der Bauernverband die Produktion von Bio-Produkten immer gedrosselt hat. Die ehemalige Ministerin Renate Künast war für den Verband ein “rotes Tuch” und wurde immer als „grüne Tante“ beschimpft. So hat der Bauernverband Bärbel Höhn und Renate Künast vor allem dazu benutzt, ein Feindbild aufzubauen, um die Bauern an den Verband zu ketten. Gleichzeitig hat man natürlich bei den Landwirten eine gewisse Skepsis geweckt und sie haben sch gegen Bio gestellt. Inzwischen entdecken immer mehr, dass Bioprodukte ein Wachstumsmarkt sind und ihnen eine langfristige Perspektive eröffnet.
Worauf sind Sie besonders stolz?
Ich bin seit 30 Jahren in der Agrarpolitik tätig und bin stolz darauf, dass ich mich für den Erhalt der kleinen bäuerlichen Landwirtschaft eingesetzt habe. Und: Viele glaubten, dass wir mit der Molkerei Pleite gehen und wir haben bewiesen, dass man es schaffen kann, auch wenn uns viele für verrückt erklärten. Zudem freue ich mich, dass wir von allen deutschen Molkereien, den höchsten Milcherzeugungspreis an die Bauern zahlen. Ich wünschte mir, dass in den nächsten Jahren noch mehr Bauern überleben können und sich die Verbraucher bewusst und gesund ernähren.
Weitere Informationen: www.bauernmolkerei.de
Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung von Elita Wiegand, innovativ.in - Business-Club für Wertschöpfer, Innovatoren, Querdenker