Aus: Inspirieren statt motivieren!

Wenn wir unsere Bestimmung, Aufgabe und Berufung miteinander in Einklang bringen, dann ist das ein wichtiger Schritt zur Bestätigung und Vertiefung unseres Lebens.

- Lance Secretan, »inspire!«-Autor -

 

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17. August 2009

Was ist mir wirklich wertvoll?

Die Sommerveranstaltung des Düsseldorfer Salons “Drei Jahreszeiten - Wirtschaft im Wandel” wartete in diesem Jahr mit einem Thema auf, das Kontroversen geradezu herausfordert. Sind Wertewachstum und Profitmaximierung zwei Gegenpole, die sich im Weg stehen? Oder können Werte nicht sogar Gewinne fördern - weit über die materielle Ebene hinaus? Die TeilnehmerInnen der “Drei Jahreszeiten” loteten die verschiedenen Dimensionen dieser herausfordernden Denkansätze in einer lebhaften Diskussion aus. Und warfen dabei zahlreiche neue Fragen auf. »inspire!«-Herausgeberin Nadja Rosmann nutzte deshalb die Gelegenheit, in einem Gespräch mit Sabine Raiser, die den Salon “Drei Jahreszeiten” vor drei Jahren ins Leben rief, das Thema weiter zu verfolgen, in die Tiefe zu gehen und zu ergründen, wie wir den sich in der Wirtschaft gegenwärtig vollziehenden Wandel würdigen können, ohne dabei unseren kritischen Blick für verbleibende Missstände zu verlieren, aber auch, ohne das Kind mit dem Bade auszuschütten. Ein integraler Reigen, der zum Nachdenken und zum Handeln auffordert.
(Das Foto zeigt Sabine Raiser bei der Sommerveranstaltung von “Drei Jahreszeiten - Wirtschaft im Wandel” im Wirtschaftsclub Düsseldorf. Foto: Renate Resch ©)


Mit der Sommerveranstaltung der Drei Jahreszeiten haben Sie sich eines Themas angenommen, das uns zutiefst herausfordert. Profitmaximierung und Wertewachstum sind für viele Menschen einander diametral entgegengesetzt und scheinen sich auszuschließen. Warum lassen wir uns so leicht dazu verleiten, in scheinbar unversöhnbaren Polaritäten zu denken?

Sabine Raiser: Ja, Profitmaximierung und Wertewachstum scheinen im Widerspruch zueinander zu stehen. Zumindest in unserem System. Jedoch gibt es genügend Beispiele sowohl für den Widerspruch als auch für die Verbindung dieser beiden Motive. Dieses “sowohl als auch” ist ein zentrales Thema all unserer Abende. Dass wir immer wieder einmal in polares Denken eintauchen, ist zunächst nicht schlimm. Dort, wo Regeln und Routinen notwendig sind, ist es oft sogar hilfreich. Beispielsweise in extremen Verkehrssituationen, wo mitunter Entscheidungen schnell und unreflektiert aus dem Reflex kommen müssen. Komponenten wie der situative Kontext, die Motivation und das Ziel entscheiden darüber, ob polares oder differenziertes Denken sinnvoll ist. Für die Erziehung von Kleinkindern ist es ja zunächst auch gut, die Welt in einfachen Bildern zu erklären. Die Herdplatte ist heiß! Böse Herdplatte! Vorsicht! Wegbleiben! Das funktioniert und verhindert Leid. Die frühkindliche Auffassungsgabe wäre mit einer Differenzierung überfordert. Sie wäre hier nicht Ziel führend. In dieser frühkindlichen Erfahrungswelt sehe ich den Wunsch nach polarem Denken begründet, denn es gaukelt uns die Illusion von Einfachheit, Klarheit und Sicherheit vor. Wer scheinbar weiß, was gut und böse, richtig und falsch ist, wähnt sich auf der sicheren Seite, fühlt sich unangreifbar. Wer will das nicht? Sobald die Dinge jedoch etwas komplexer werden, führt polares Denken nicht weit. Deshalb verlässt der gereifte Mensch, dem daran gelegen ist, weiterzukommen, in die Tiefe zu gehen, andere Weltsichten zu entdecken und zu verstehen, bei komplexen Themen ja auch die Ebene des polaren Denkens.

Die Unternehmerin Maria Fischer, die auch Mitglied im Bund Katholischer Unternehmer ist, hat bei der Veranstaltung hervorragend illustriert, dass ein hoher Wertestandard und gute Profite sich nicht widersprechen müssen. Die anschließende Diskussion zeigte jedoch, dass wir uns durchaus schwer tun, eine solche Perspektive anzuerkennen und den augenscheinlichen Fortschritten, die es im kapitalistischen System ja durchaus gibt, mit Wertschätzung zu begegnen. Wie sehen Sie als Kommunikationsberaterin das? Gibt es Wege, wie wir positive Entwicklungen würdigen können, ohne darüber unserem kritischen Geist Denkzwänge aufzuerlegen?

Sabine Raiser: Die Thesen von Maria Fischer waren in Anlehnung an den Integralen Ansatz sehr anschaulich, differenziert und in der Aussage wertschätzend. Und gewiss gibt es Errungenschaften unseres Systems, von denen die meisten profitieren. Selbst dort, wo bei uns Armut herrscht, ist diese Armut eine andere als noch zu Zeiten unserer Großeltern oder gegenwärtig in anderen Ländern. Die Tatsache, dass Deutschland Exportweltmeister “Grüner Technologien” ist, war eines der Beispiele von Frau Fischer, dafür dass technologische Innovationen sowohl zu beachtlichen Profiten wie auch zu nachhaltigerem Wirtschaften führen. Ihr Postulat, dass das Spannungsverhältnis von Profitmaximierung und Wertewachstum von der Persönlichkeitsstruktur und den Bewusstseinstufen der verantwortlichen Akteure abhängt, ist entscheidend. Als Beraterin für Strategische Kommunikation jenseits der Routine, also bei Gründung, Insolvenz, Wandel oder Krise lote ich vor Konzeptionsbeginn aus, welcher Art die Persönlichkeitsstrukturen und Entwicklungsstufen aller Beteiligten sind. Intern und extern. Individuell und systemimmanent. Das erleichtert die Kommunikation. Das Dreigespann aus reiner Vernunft, wohlwollender Achtsamkeit und gelebtem Respekt im Umgang miteinander fördert eine umfassende Sicht der Dinge. Auf der Sachebene wie auf der Beziehungsebene. Gerade in komplexen Situationen.

In der Finanzwelt hat sich trotz fauler Kredite und undurchschaubarer Derivate in den letzten Jahren sehr viel Positives bewegt. Ethische Investmentfonds, Mikrokredite und weitere Finanzinstrumente, die sich menschlichen Grundwerten und mehr Nachhaltigkeit verschrieben haben, boomen - machen aber natürlich andererseits immer noch nur einen recht geringen Anteil des weltweiten Investitionsvolumens aus. Wie können wir als Menschen, die einen ethischen Wandel der Wirtschaft fördern möchten, uns in diesem schwierigen Feld verorten?

Sabine Raiser: Die Antwort auf diese Frage war Part von Susanne Ott. Sie hatte eine Palette schöner Beispiele zusammengefasst, die für jeden etwas bereithält, der gewillt ist, den ethischen Wandel mit Leben zu füllen. Ganz konkret, jetzt und immer wieder. In ihrem Impuls ging es um die praktische Umsetzung dessen, was Maria Fischer zuvor als höhere Bewussteinstufe skizzierte. Als Angestellte in mittelständischen Firmen, als Führungskräfte in Konzernen, als Selbstständige und auch als Künstler sind wir Teil der Wirtschaft. Allein schon, weil wir Konsumenten sind. Damit bestimmen wir, in welche Produkte wir unser Geld legen. Oder in welche Investments. Das heißt, wir bestimmen, ob wir unser Geld dorthin bringen, wo es unsere Werte fördert oder schwächt. Die Auswahl an nachhaltigen Angeboten ist mittlerweile so groß und in fast allen Bereichen vertreten. Wer wirklich finden will, muss nicht lange suchen. Aktives Nachfragen erzeugt auch hier neue Angebote. Kunden und Konsumenten haben eine Macht, die sie gerade in diesem Feld leider noch zu wenig nutzen.

Kleine Finanzinstitute wie beispielsweise die GLS Bank sind ja häufig Vorreiter von zukunftsweisenden Ideen, die es zum Ziel haben, die Wirtschaftswelt “besser” zu machen. Aber sie haben im Hinblick auf die gesamte Weltwirtschaft nur eine recht geringe Wirkung. Springen Großbanken auf den Zug ethischer Investments auf, neigen wir allzu leicht dazu, sie unter den Generalverdacht des Green Washings zu stellen. Susanne Ott, die als Mitglied der Grünen eine vehemente Verfechterin des Nachhaltigkeitsgedankens ist, geriet ein wenig in die Schusslinie, als sie verschiedene neue Finanzinstrumente, die diesen Gedanken aufgreifen, vorstellte, weil sie als Beraterin für die Deutsche Bank tätig ist - ein Unternehmen, das gerne unter Generalverdacht gestellt wird. Warum fällt es uns so schwer, nicht gleich in ein Entweder-Oder-Denken zu verfallen?

Sabine Raiser: Hier handelt es sich um das klassische Dilemma! Sehr komplex. Man kann es gar nicht ernst genug nehmen. Ein konkretes Beispiel dazu. Als ich im Auftrag der Rewe Gruppe die Aufbaukommunikation für eine Bio-Supermarktkette übernahm, gab es hohen Erklärungsbedarf nach allen Seiten. Das Spannungsverhältnis von Profit und Werten stand hier ganz konkret zur Diskussion. Es ging um einen immer größer werdenden Markt, der wie kaum ein anderer in seinem Ursprung werteorientiert begründet ist. Die emotionale Aufladung war daher nachvollziehbar. Auf der einen Seite zeigte die traditionelle Bio-Branche großes Unbehagen, als bekannt wurde, dass ein konventioneller Einzelhandelsriese in die mit viel Liebe, harter Arbeit und sehr wenig Geld aufgebaute Bio-Szene einrücken wollte. Jetzt, da es langsam bergauf ging. Ängste und Vorbehalte waren vielfältig und nachvollziehbar. Emotional wie auch rational begründet. Auf der anderen Seite wussten die meisten Pioniere der Ökologischen Wende aber auch, dass ihr Postulat der 70-er Jahre “Bio für Alle!” nicht zu realisieren war, wenn ihre Produkte weiterhin durch Hofläden oder Bio-Lädchen vertrieben werden. Hier stießen wie selten zuvor in der deutschen Wirtschaft sehr unterschiedliche Wertesysteme und Weltsichten aufeinander. Die Integration verlief gut. Nicht zuletzt Dank der hohen Bereitschaft aller Beteiligten, die Werte und Weltsichten der anderen so weit wie möglich zu respektieren und das Allgemeinwohl bei allem Willen zur Marktausweitung nicht ganz aus den Augen zu verlieren.

Ähnlich ist das mit den nachhaltigen Investmentfonds. Allein durch jene Banken, die schon immer ethisches Investment betrieben haben, auch als es noch völlig unpopulär war, kann nicht die so genannte kritische Masse erreicht werden, die den Markt wirklich ins Rollen bringt. Warum also nicht den Schritt wagen und die Kunden und Expertise einer typischen Großbank einbinden, um einen breiteren Markt zu erreichen? Natürlich auch hier mit hohem Einsatz kritischer Vernunft und der Wertschätzung der mutigen Pioniere.

Der Begriff Profit hat für viele Menschen einen sehr negativen Beiklang, weil wir immer mitdenken, dass Profit nur auf Kosten anderer gemacht werden kann. Betrachten wir die integrale Landkarte, so wird augenscheinlich, dass diese Ego-Perspektive tatsächlich für ein bestimmtes gesellschaftliches Entwicklungsstadium maßgeblich ist. Die gegenwärtigen Entwicklungen, seien es gezielte Ethik-Initiativen der Wirtschaft, alternative Finanzmodelle oder neue, an Nachhaltigkeit orientierte Konsumstile, legen es jedoch nahe, dass wir als Menschheit gerade dabei sind, einen Prozess der Weiterentwicklung zum “Besseren” anzustoßen. Wie können wir mit dieser “Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen” umgehen, ohne im Kritikmodus zu verharren, aber auch, ohne in eine übertriebene Euphorie zu verfallen?

Sabine Raiser: Der Integrale Ansatz ist für die wichtige Langzeitaufgabe, “das Gute, das Wahre, das Schöne” zu finden, eine sehr hilfreiche Landkarte. Wer sie aber nicht kennt oder zu abstrakt findet, kann sich auch auf den großen Weg und die ersten kleinen Schritte machen. Zum Beispiel in dem er ehrlich und offen in die Beantwortung folgender Fragen geht: “Was ist mir was wert? Und was ist es mir wert?” Wer nun weiß, was ihm wirklich wertvoll ist, prüft anschließend, ob seine Handlungen analog dazu sind. Ich selbst tue das seit über zwanzig Jahren und bin immer wieder überrascht, wie wenig deckungsgleich meine Werte, Worte und Taten manchmal sind. Die Verführungen sind groß. Aber es wird immer besser und ich übe gerne weiter. Konkret: Wenn ich sage, eine gesunde Umwelt und möglichst gerechte Löhne stehen oben auf meiner Werteskala, dann muss ich mich fragen, warum ich ausschließlich chemisch belastetes Obst aus Asien im Discounter kaufe, nur weil ich dort die günstigsten Preise bekomme. Vielleicht, um mir mit dem eingesparten Geld das neunte Paar Schuhe oder die 48. CD kaufen zu können?

Werte und Profit berühren uns als Menschen auf einer sehr persönlichen Ebene. Jeder Mensch hat das Bedürfnis nach einem “guten Leben” ohne Mangel, möchte aber darüber andere nicht übervorteilen. Gibt es aus der integralen Perspektive Ansatzpunkte, wie wir mit diesem scheinbaren Dilemma umgehen können?

Sabine Raiser: Und wieder ein Dilemma. ;-)
Ja, auch hier gibt der Integrale Ansatz Hinweise, das Dilemma in vielen glücklichen Momenten zu umgehen. Denn die Auseinadersetzung damit steigert Ausmaß und Flexibilität der Wahrnehmung. Individuelle Weltsicht und Werte werden zunächst bewusster, dann klarer und im dritten Schritt besser kommunizierbar. Im Dialog mit sich selbst und mit anderen Menschen. In einem bald zwanzig Jahre andauernden Prozess habe ich auf der Grundlage zahlreicher Projekte und umfassender Lektüre eine Methode zusammengestellt, die ich IPA - Integrale Profil-Analyse nenne. In der Auseinadersetzung damit kann beispielsweise der individuelle Werte “Gutes Leben” auf eine völlig neue Stufe gestellt werden als zuvor. Damit auch die Gewissheit, dass mein Leben nicht zwangsläufig schlechter wird, wenn ich morgen nicht mehr die selben Güter und Sicherheiten besitze, von denen ich heute glaube, dass ohne sie nichts mehr geht. Der bewusste Umgang mit Polaritäten, tatsächlichen und vermeintlichen Widersprüchen, wird mit dem Integralen Ansatz deutlich erleichtert und hat zumindest für mich eine mildere Komponente erhalten.